Die meiste Zeit des Jahres führen wir ein recht bürgerliches Leben in Hamburg. David ist Leiter der Textredaktion bei der Monatszeitschrift „Stern View“, ich bin freie Journalistin für verschiedene Magazine. Nepomuk arbeitet gerade – in Teilzeit – daran, von den anderen Kindern in seiner Krippe alle vorhandenen Holz-, Plastik- und Blechautos einzukassieren und beim Mittagessen schneller seine Teetasse umzuwerfen, als seine Erzieherinnen gucken können. Alles also recht normal bei uns.
Wäre da nicht dieses eine Problem. Dieses verflixte Fernweh nämlich. Ihr werdet das alle kennen, sonst würdet ihr wohl kaum auf dieser Seite vorbei schauen, die ja letztlich eine Art Selbsthilfegruppe für fernwehgeplagte Eltern ist. In den ersten Wochen nach Nepomuks Geburt dachte ich, von nun an sei ich geheilt davon und könnte endlich ein gemütliches Leben im Umkreis von etwa zwei, allerhöchstens drei Kilometern führen.
In unserem Viertel gibt es ja schließlich alles, was man so braucht als Eltern eines Babys: Bio-Läden, Drogerien, Apotheken, Spielplätze, Cafés mit Baby-Latte (einem Plastikbecher mit aufgeschäumter Milch), Läden für Baby-Schuhe, Baby-Klamotten, Baby-Spielzeug.
Doch leider hört man in unserem Viertel außerdem sehr häufig das Tuten der Containerschiffe, die gerade den Hamburger Hafen verlassen und hinaus fahren in die große, weite Welt. Und genau das ist unser Problem: die große, weite Welt. Dieses verflixte Fernweh.
David und ich haben so ein Ding mit dem Reisen. In Litauen, an der Kurischen Nehrung, haben wir uns ineinander verliebt. In Buenos Aires haben wir uns entschieden, zusammen zu ziehen. In Wien, oben auf dem Riesenrad des Praters, haben wir zum ersten Mal darüber gesprochen, ein Kind miteinander zu bekommen. Weil unser Blick während dieses Gespräches an der Turmspitze der Nepomukskirche hängen bleib, hieß unser Sohn Nepomuk – lange bevor es ihn gab.
Bei unserer Vorgeschichte war uns schnell klar, dass wir unsere Elternzeit nicht nur in Hamburg verbringen können. Dafür tuten hier wie gesagt die Schiffe zu laut.
Natürlich hat Nepomuk in unserem bürgerlichen Leben in Hamburg einen zusätzlichen Vornamen. Einen, mit dem wir und seine Erzieherinnen in der Krippe ihn schneller ermahnen können, wenn er Autos klaut oder Tassen umkegelt. Nepomuk ist da doch etwas sperrig. Unter diesem anderen Namen kann er später auch ein Leben als bequemlicher Sofasitzer führen, ohne dass ihn jemand auf seine bewegte Vergangenheit anspricht. Kann er.
Ich befürchte aber, dass diese Sache mit dem Fernweh vererbbar ist. Für einen späteren Sofasitzer sieht er einfach zu glücklich aus, wenn er auf den Schultern seines Vaters oder vor meiner Brust über orientalische Basare oder italienische Marktplätze getragen wird.